Polung
Wird es weh tun?
Seine Nervosität ist überall in der Luft. Ich kann spüren, wie sie sich in meiner Kleidung verfängt, auf der Haut ablegt. Ich kann sie riechen. Es braucht keine Zusatzqualifikation, um zu wissen, was in meinem Gegenüber vor sich geht. Mein Arbeitgeber möchte, dass wir von dem Häufchen Elend, das vor uns Platz nimmt, als Probanden sprechen. Wahlweise als Klienten.
Wenn wir dann ungestört im Pausenraum sitzen und uns über sie lustig machen, nennen wir sie „die armen Tölpel“, den „ahnungslosen N“ oder die „komische S“. Je nachdem, welches Ergebnis der Nadeldrucker ausgeklappert hat.
Es wird doch nicht wehtun?
Der Test dauert zwölf Sekunden. Ich zähle sie nicht mehr. In diesen zwölf Sekunden piept der hammerschlag-lackierte Kasten zweimal, zu Beginn der Datenabfrage und am Ende. Zwei Leuchtioden geben Aufschluss über den Fortschritt: orange während der Analyse und grün, wenn alle Daten problemlos verarbeitet sind. Dazwischen gibt mir das Summen des Gerätes die Sicherheit, dass alles seiner Wege geht. Mein Proband wird zu dieser Zeit das Gefühl einer gewissen Unumkehrbarkeit empfinden, wenn er an sein Testergebnis denkt.
Zwei Metallflächen. Fingerkuppen. Stillhalten. Der Körper erledigt den Rest. Es ist davon auszugehen, dass mein Proband (der sich nicht in der Rolle eines Klienten begreift, sondern vielmehr als Opfer widriger Umstände) in dem Moment, da ich ihm ankündige, das Gerät einzuschalten, versuchen wird, mit positiven Gedanken das Testergebnis zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Er wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Bilder aus seiner Kindheit abrufen. Er wird an Momente denken, in denen das mit dem Menschsein besonders gut geklappt hat. Momente, in denen er lieb und anständig war. Das sind dann herzzerreißende Bilder mit Hündchen, Luftballons und Kerzen auf Geburtstagstorten. Umarmungen, ganz wichtig. Und sie alle sind nichts weiter als Muster, nichts weiter als Abziehbilder, die Imitation von Liebe und Zuneigung.
Der Klient wird versuchen, sich seiner ersten Liebe zu entsinnen, besonders die Momente gestelzter Liebesbekundungen und Liebkosungen wird er dabei versuchen, zu reproduzieren. Die Liebe als Versuchsfeld menschlicher Gemeinschaft. Amateurhafte Zärtlichkeit macht uns noch einmal mehr zum Menschen. Unsere Fehlbarkeit bringt Punkte. Glaubt er. Er wird die Augen zukneifen, um ein Bild zu fixieren. Vielleicht kann er es zwölf Sekunden halten. Er will sich selbst beweisen, dass es ihm gelungen ist, lieb zu sein. Gut zu sein.
Ich informiere den armen Tölpel nicht über die Zwecklosigkeit seiner Bemühungen. Das dem Test zugrundeliegende Verfahren basiert auf neuentdeckten biomagnetischen Feldern des Nervensystems. Da braucht es nun wirklich keine gefilterten Erinnerungen, die ihren Besitzer rosa-rot einfärben und für die Dauer eines zwölf Sekunden langen Test zu einem besseren Menschen machen.
Ich hoffe wirklich, dass es nicht weh tut.
In meiner letzten Fortbildung zur Probandenpsychologie hat das Thema Angst einen halben Schulungstag eingenommen. Erwähne das Wort Angst (oder Schmerz) nie selbst, heißt es in der Materialsammlung, und weiter: Verwende positiv-besetzte Worte, wenn du gefragt wirst. In der Praxis bedeutet das:
Proband fragt: „Wird es weh tun?“
Du antwortest: „Der Test ist simpel und dauert nur wenige Sekunden.“
Proband fragt weiter: „Es wird doch nicht wehtun?“
Du antwortest: Sie werden nichts spüren.“
Proband starrt an die Decke und sagt: „Ich hoffe wirklich, es wird nicht wehtun.“
Dann sagst du nichts mehr, sondern bedienst den Kippschalter, und Proband stellt selbst fest, dass es nicht wehtut.
Die Probanden sehen den Test als einen Spiegel ihrer Seele an. Oder was sie auch immer sie glauben, was für die Emotionen in ihrem Körper zuständig ist. Ich sehe ihn wie ein Etikett. Ein sauber geschnittenes Stück Bedeutung, das man aufklebt, bevor jemand fragen kann.
Die grüne Leuchtiode geht an.
„Sie können gehen“, sage ich. Im Laufe der Zeit habe ich mir angewöhnt, den Satz mit einem Nicken zu unterstreichen, denn die meisten Probanden glauben ihm nicht. Erst einen Moment später, wenn ihre wirren Gedanken und die Anspannung sich lösen, beginnen sie zu glauben, dass sie hier fertig sind. Manche bedanken sich, die meisten sehen zu, dass sie hier wegkommen. In etwa zwanzig Prozent der Fälle muss ich die Sitzfläche des Stuhls, nachdem der Proband den Raum verlassen hat, mit einem Stück Küchenrolle abwischen. Manche schwitzen wirklich ihre Hose durch.
Ich hole den Ausdruck mit den Ergebnissen aus dem Druckerraum. Das Papier riecht nach Keller und ist immer fein gewellt. Es hat eine grau-beige Struktur. In ein paar Monaten wird es tieforange sein. Die Prüfstelle ist verpflichtet, die Testergebnisse zehn Jahre aufzubewahren. Ganz schön lange für einen Datenabgleich, der zwölf Sekunden braucht, wie ich finde. Ich ziehe den Kugelschreiber und bestätige den Ergebnisbogen mit meiner Unterschrift. Ein Stempel kommt erst im Sekretariat hinzu, wenn der Direktor mit seiner Zeichnung das Dokument gegengeprüft hat. Die letzten Zeilen sind vom detaillierten Datenbefund abgesetzt. Sie bestehen aus zwei Namen und zwei Buchstaben: N und S.
Ich habe gelernt, nicht zu erklären. Erklärung verstärkt das Feld.
Im Pausenraum bemerke ich, wie der Löffel in meiner Tasse sanft gegen meinen Finger drückt. Er kippt langsam. Dabei habe ich nur einem Gedanken nachgehangen und mich still verhalten. Erst jetzt bemerke ich, dass sie sich in aller Stelle in den Raum begeben und auf dem Platz am anderen Ende des Tisches, leicht versetzt zu mir, niedergelassen hat. Außer uns beiden ist niemand hier. Es ist, als hätte der rauchgelbe Aufenthaltsraum selbst entschieden, wieviel Abstand zwischen und beiden nötig ist. Unsere Blicke treffen sich flüchtig. Da ist kein Lächeln, keine Entschuldigung. Nur das Gefühl, dass etwas zwischen uns liegt, das keinen Namen hat und trotzdem wirkt.
Der Löffel vibriert leicht, als wäre ich mit meinem Bein gegen die Tischkante gestoßen. Ich spüre, dass sie mich ansieht. Es ist ein prüfender Blick. Keine Abwehr. Nur Feststellung. Es ist, als erinnerten wir uns zur selben Zeit an etwas, das nie passiert ist.
„Auch Pause?“
So sehr ich es schätze, dass sie beginnt, Konversation zu betreiben, so schwer fällt es mir, darauf zu antworten. Weshalb sitzt man wohl in einem Aufenthaltsraum, wenn nicht zur Pause. Und so nicke ich nur. Mein Blick geht hinab zum Kaffee in meiner Tasse, in der der Löffel nun leicht an den Rand schlägt. Sie beobachtet es, sagt aber nichts. Die Müdigkeit übermannt mich, trotz meiner Unsicherheit, die immer dann kommt, wenn ich fremden Menschen begegne. Ich habe an diesem Morgen bereits achtzehn Probanden getestet. Vier Paare, fünf Bewerber, vier Führungskräfte und zwei Gefängnisinsassen. Darunter ein Mann mit sehr zittrigen Fingern. Ich musste ihm mehrfach sagen, dass er bitte stillhalten soll. Seine Testergebnisse werden darüber entscheiden, ob er zu seinem Bewährungshelfer passt (der bereits gestern bei mir vorstellig geworden ist), um frühzeitig aus der Haft entlassen zu werden. Die Buchstaben haben sich wie immer gleichmäßig verteilt. Mein Direktor nennt es „Zufall mit statistischer Eleganz“. Ich notiere nichts, ich präge mir nichts ein. So sind wir geschult worden.
„Neu hier?“ frage ich, mehr aus Höflichkeit als aus wirklichem Interesse.
„Dritte Woche.“
Als sie spricht, spüre ich den Widerstand in der Luft. Gibt es Druck ohne Ziel? Denn genau den glaube ich zu verspüren, wenn sie den Mund aufmacht. Jetzt, da ich weiß, was es ist, weiß ich auch, was es bedeutet: gleiche Polung. Abstoßung. Ein Hinweis, kein Verbot. Ein Wort für etwas, das sich unangenehm ehrlich anfühlt und das keines Tests bedarf. Wir nennen es Risiko, damit wir nicht auf die Idee kommen, es Nähe zu nennen.
„Spürst du es auch?“ frage ich sie. Ich würde sie nicht fragen, wenn ich nicht wüsste, dass sie ihren Basis-Lehrgang bereits hinter sich hat und weiß, worauf ich anspiele. Plötzlich sind all meine Sinne geschärft, alles an mir ist aktiviert, als hätte man nach einem zwölf-sekündlichen Datenabgleich endlich den Kippschalter an mir betätigt.
Sie nickt, ganz ohne ihren prüfenden Blick diesmal.
„Ich spüre es“, sagt sie.
„Dann weißt du es.“
Spüren ist kein technischer Begriff, den wir am Standort verwenden. Spüren ist unzuverlässig. Der Löffel hört auf zu zittern, als ich ihn ablege.
Am nächsten Tag begegnen wir uns wieder. Unsere Schichtpläne scheinen sich zu ähneln. Zufall? Die grüne DS auf dem Parkplatz muss ihr gehören. Ein schönes Auto. Es passt zu ihr. Unser Instinkt hat uns denselben Sitzplatz im Aufenthaltsraum wählen lassen wie am gestrigen Tag. Ein Gespräch kommt schleppend in Gang. Wieder ist außer uns niemand anders da, was es noch erschwert, ungezwungen miteinander zu sprechen. Es ist mir recht, dass wir die meiste Zeit schweigen. In meinen Gedanken bin ich bei einem Paar, das am Morgen bei mir den Test gemacht hat. Sie sind so erpicht darauf gewesen, ihren Test mit einem N (für ihn) und einem S (für sie) abzuschließen, dass sie nur haben scheitern können.
„Glaubst du das alles?“
Ich blicke von meinem Kaffee auf, vermeide es jedoch, ihr direkt in die Augen zu sehen.
„Was denn?“
„Na, all das hier. Das, was wir tun. Das, was wir den Leuten erzählen, was diese Tests mit ihnen machen.“
„Man stellt diese Frage nicht“, erinnere ich sie an das Mitarbeiterhandbuch, Kapitel 3, Abschnitt 5, Seite 23ff. Sie zögert, weiß nicht, ob sie weitersprechen soll oder nicht. Ich spüre sie sogar mit geschlossenen Augen. Nicht aus Nähe, sondern als Störung meines eigenen Feldes.
„Weißt du, was wir hier messen?“
Jetzt wage ich es, sie anzusehen. „Biomagnetische Resonanzmuster“, zitiere ich das Mitarbeiterhandbuch, Kapitel 1, Abschnitt 2, Seite 7.
Sie schnaubt. Ihr gefällt meine Antwort nicht. Sie will auf etwas anderes hinaus. Vielleicht auf das, was sie Wahrheit nennt. „Wir messen Differenz.“
Ich sehe betreten zur Tür. Sie spricht aus, was ich nicht zu sagen wage, weil es mir das Mitarbeiterhandbuch verbietet.
„Wir messen nicht, wer jemand ist, sondern wie sehr dich jemand verändert, wenn er dir zu nahekommt.“
Sie fixiert mich. Ihre Augen sind wie zwei grüne Leuchtioden, die gleichzeitig angehen. Nur, dass bei unseren hammerschlag-lackierten Geräten niemals zwei grüne Leuchtioden gleichzeitig angehen können.
„Dann sind wir ein Risiko“, sagte ich.
„Oder eine Möglichkeit“, sagt sie.
In der Erstschulung für Berufseinsteiger, das ist jetzt fünf Jahre her, hat man uns beigebracht, dass gleiche Pole Konflikt bedeuten. Instabilität. Reibung ohne Lösung. Man spricht von Beziehungen mit hoher emotionaler Entropie. Ein schönes Wort, Entropie. Es vermag einem Angst zu machen, mathematisch gesehen. Man hat mir die zugrundeliegende Technologie hinter unseren Tests als bahnbrechend beschrieben. Als noch nie dagewesen. Es gibt keinen Grund für mich, daran zu zweifeln. Warum sonst sollten sich Unternehmen und Behörden auf unser Verfahren verlassen? Polung ist binär Nord und Süd, N und S.
Niemand weiß, was sie eigentlich wirklich bedeutet, aber die Ergebnisse sind immer eindeutig und unveränderbar. Sie geben uns Sicherheit, Sicherheit für die Menschen, die vor wichtigen Entscheidungen im Leben stehen. Ist die Wahl der Gattin das finanzielle Investment wert, das Proband X damit zu tätigen gedenkt? Dann ist jetzt, ein paar Wochen vor der Bestellung des Aufgebots, die letzte Möglichkeit, mit einem Test von nur zwölf Sekunden das Schicksal in die rechten Bahnen zu lenken – und damit in die finanziell günstigen. Passt Bewerber Y zu seinem potentiellen Vorgesetzten? Wie oft haben Unternehmen internes Chaos gestiftet, indem sie den falschen Bewerber auf das Team losgelassen haben.
Dank unserer bahnbrechenden Erkenntnisse auf dem Gebiet der Erforschung biomagnetischer Felder des zentralen Nervensystems lassen sich nun besser und effizienter Milliarden machen. N oder S. Simpel, schmerzlos, unumkehrbar.
Wenn sich meine Kumpels bei einem Bier meinen Beruf lustig machen, sagen sie gerne, ich sei ein Kuppler in einer Heiratsagentur. Ich halte stets dagegen. Ich sage, dass Unternehmen und Behörden unsere Forschung nutzen, um die Kompatibilität, Loyalität und das Konfliktpotenzial ihrer Bewerber zu testen, um gewinnbringende Konstellationen menschlicher Ressourcen zusammenzubringen und im internationalen Wettbewerb besser zu bestehen. So steht es im Mitarbeiterhandbuch, Kapitel 1, Abschnitt 1, Seite 4. Das mit den Paaren, das ist laut unseres Direktors etwas, was er „Low hanging fruits“ nennt, einfach zu einträglich, als dass man das Potenzial auf der Straße liegenlassen würde. Gleiches gilt für die Gefängnisinsassen.
Was viele unserer Klienten und Auftraggeber gleichermaßen begreifen sollten, ist, dass wir zwei Datensätze unmittelbar gegenüberstellen müssen. Als Unternehmen sollten wir nicht einfach fragen: Passt Bewerber X gut ins Team? Ich muss einen konkreten Datensatz einer Person als Referenz haben. Ich muss fragen: Passt Herr Schlüter zu Herrn Ackermann? Kann der Klaus gut mit dem Bernd? Ebenso wenig kann ich Anwälten oder Strafvollzugsbeamten mit dem Testergebnis einen Aufschluss darüber geben, ob ein Insasse sich nach seiner Entlassung gut benehmen wird oder nicht. Ich kann mit dem nadelgedruckten Dokument nur vermitteln, dass der Insasse sich aller Voraussicht nach gut mit seinem Bewährungshelfer verstehen wird oder nicht. Ziehen sich die beiden Personen hinter den Datensätzen an (N und S, S und N) oder stoßen sie sich ab (N und N, S und S). Manche Probanden erscheinen mit einer gewissen Erwartung zum Termin. Sie sagen, welcher Buchstabe sie „sein“ wollen. „Ich muss einfach ein N sein, ein Nord“, sagen sie dann. Zwischen Nord und Süd gibt es keinen Unterschied, und sie Nord oder Süd sind, hängt immer auch vom Datensatz auf der anderen Seite ab. Noch so ein Missverständnis. Ich erkläre nicht, ich teste. Paare mit gleicher Polung (und auch das ist ein Missverständnis, das sich seit Beginn unserer Forschungsarbeit hält), werden nicht verboten, dennoch rät unsere Prüfstelle als Ergebnis unseres Verfahrens von der Intensivierung der Beziehung ab: es empfiehlt, einen gewissen Abstand zu halten. Es rät zur Vorsicht, zur professionellen Distanz.
Das gilt im Übrigen auch für uns Mitarbeiter am Standort. Das Mitarbeiterhandbuch, Kapitel 5, Abschnitt 3, Seite 53ff. ist hier besonders klar. Im Falle einer vermuteten gleichen Polung mit einem anderen Mitarbeiter oder Mitarbeiterin gilt die Wahrung der Distanz. Das Sekretariat unterstützt Betroffene bei der Neuplanung der Schichten. Demnach ist auch bei mir und meiner Kollegin ein gewisser professioneller Abstand angebracht. Ich halte mich genau zwei Tage daran.
Am dritten Tag steht sie plötzlich neben mir in der Auswertungszone und sieht auf den Röhrenbildschirm. Es ist dieser prüfende Blick, der mir seit unserer ersten Begegnung nicht mehr aus dem Kopf geht.
„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, Ergebnisse zu verändern?“
Ich blicke von der Tastatur hoch. Sie hat von der monatelangen intensiven Benutzung braune Ränder an den Seiten der Tasten bekommen. Dreck. Fingerfett.
„Warum sollte ich so etwas tun?“
Ich spüre, wie ihr Blick auf meinem Hals haftenbleibt, als wolle sie das Pumpen meiner Halsschlagader als Indiz verwenden, festzustellen, ob ich ein ehrlicher Mitarbeiter bin oder nicht.
„Na, ich weiß nicht. Vielleicht, wenn du so ein nettes Pärchen vor dir sitzen hast, das sich auf seine Hochzeit freut. Und du weißt ganz genau, wenn sie jetzt beide ein S kriegen, dann war’s das mit denen. Vorbei das Glück und vorbei der Schwur für immer zusammenzubleiben. Tests haben schließlich nicht nur Ergebnisse, sondern auch Konsequenzen, nicht wahr? Der eine kriegt seinen Traum-job nicht, der andere muss fünf Jahre länger im Knast sitzen… Wäre es da nicht verlockend, ein wenig nachzuhelfen und den Buchstaben in der Auswertungszone nachträglich zu ‚korrigieren‘?“ Sie malt mit ihren beiden Zeigefingern Gänsefüßchen in den dunklen Raum.
Ich blicke kaum auf von meinem Monitor. Eigentlich habe ich auch sehr viel zu tun und keine Zeit. „Man stellt diese Frage nicht“, erinnere ich sie an das Mitarbeiterhand-buch, Kapitel 7, Abschnitt 5, Seite 83.
„Und warum sortierst du dann falsch?“
Ich weiß im ersten Moment nicht, was sie von mir will. Und so will ich vehement widersprechen. Ich will sagen, was für ein gemeiner Vorwurf! Doch dann sehe ich, dass sie recht hat. Ich korrigiere meinen peinlichen Fehler und schließe das Programm. Im finsteren Schwarz des Röhrenbildschirms spiegeln sich leicht verzerrt unsere Umrisse, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie sich berühren wollen.
Wir begegnen uns oft. Zu oft, als dass es ein Zufall sein kann. In der Auswertungszone. Im Flur. Am Nadeldrucker, der seit Neuestem falsch kalibriert scheint. Immer dann, wenn sie wie aus dem Nichts neben mir auftaucht, lautlos hinter mir hergeht oder plötzlich im Türrahmen steht, ist es als würde ich gegen einen Gedanken laufen, den ich noch gar nicht gedacht habe. Sie sagt Dinge, die wir nicht sagen sollten, nicht laut, aber deutlich. Es reicht, dass ich sie höre, um uns beide schuldig zu machen. Ich kann mich nur verstohlen umsehen und auf das Mitarbeiterhandbuch verweisen.
„Und? Korrigierst du wieder Ergebnisse?“ fragt sie mich mit einer Ladung Sarkasmus, die mich erzittern lässt. Zum Glück ist niemand sonst in der Auswertungszone.
„Ich überprüfe sie“, sage ich mit Bestimmtheit.
„Weil du ihnen nicht traust?“
Ich halte einen Moment lang inne und atme tief ein, bevor ich die Fähigkeit zu sprechen wiedererlange. „Weil ich mir nicht traue“, sage ich.
Sie nickt, als wäre dies die einzig sinnvolle Antwort.
Immer, wenn wir aufeinandertreffen, reagiert zuerst das Metall. Eine Büroklammer fällt lautlos vom Tisch. Ein Schlüsselbund dreht sich leicht, obwohl nachweislich niemand es berührt. Nichts davon ist meldepflichtig, aber alles davon ist real.
„Das Feld“, flüstert sie. „Es mag uns nicht.“
„Oder es merkt uns.“
Sie lächelt nicht, was es noch schlimmer macht. Warum nur lächelt sie nie?
Ich muss plötzlich an all die Paare denken, die im Laufe der Jahre vor mir im Testraum platzgenommen haben. Manche von ihnen sind aufgestanden und haben weniger Platz im Raum eingenommen als noch zwölf Sekunden zuvor. Und dann die armen Tölpel, die im Pausenraum nur Gelächter von uns geerntet haben, weil sie dringend ihre Polung haben ändern lassen wollen. Ich denke immer wieder an das, was sie gesagt hat. Daran, dass wir Differenz messen und nicht Charakter. Daran, dass nur ein kleiner Austausch eines Buchstabens dem Leben eine andere Richtung geben kann. Was, wenn wir noch viel falscher liegen, als wir gedacht haben? Vielleicht ist Abstoßung keine Warnung. Sondern ein Maß für Nähe?
Dann geschieht etwas.
Der Direktor ruft uns um elf Uhr im Aufenthaltsraum zusammen. Vor ihm liegt ein Stapel Papier, hunderte von gelochten und getackerten Seiten. Auf der obenliegenden Seite kann ich erkennen, dass die Seitenbündel mit einem Stempel zur internen Klassifikation versehen sind. Der Direktor ist sichtlich angespannt. Es ist nicht das erste Mal, dass er uns Berichte oder Ergänzungen zum Mitarbeiterhandbuch aushändigen muss. Unsere Technologie ist neu, sie ist anfällig für Veränderungen, die weitreichenden Einfluss auf unsere Arbeit haben. So kommt es oft vor, dass wir ein Dokument ausgehändigt bekommen, das Verfahrensanweisungen, Betriebsvereinbarungen und ergänzende Schulungsunterlagen enthält, deren Erhalt und Verständnis wir auf der letzten Seite zu quittieren und im Sekretariat in die Personalakte einzureichen haben. Der Herr Direktor achtet penibel darauf, dass jeder Mitarbeiter, der am Standort seine Schicht antritt, stehts die aktuellen Unterlagen vorzuweisen hat, die ihn zu seinem Dienst befähigen. Dennoch ist er bei der Ausgabe der Schriftstücke an die jeweilige Schicht noch nie so angespannt gewesen wie heute. Seine Rede ist mehr ein Stammeln, denn eine Ansage.
Öffentliche Debatten über unsere bahnbrechende Technologie zur Messung der emotionalen Polung hat es von Beginn an gegeben. Der Diskurs konzentriert sich in der Regel weniger auf das Messverfahren (das auch wirklich kaum jemand erklären kann) als auf den Einfluss, den es auf Paare, auf Bewerber und Insassen hat. Wer mithilfe der Physik in die Beziehungen von Menschen recht unmittelbar eingreift, setzt sich zweifelsohne und unvermeidbar der politischen und gesellschaftlichen Kritik aus. So verwundert es ganz und gar nicht, dass auch langjährige Gerichtsverfahren gegen unsere Prüfstelle angestrebt werden. Die meisten von ihnen enden in außergerichtlichen Vergleichen. Man zahlt eine Menge Geld und macht weiter. Nun jedoch hat ein Gericht zum Vorteil der Kläger entschieden. Ich warte, bis das Gebäude der Prüfstelle in den Energiespar-Modus übergeht, um mich an einem kleinen Tisch im Aktenarchiv niederzulassen und mein Exemplar der Verfahrensanweisungen in Ruhe zu studieren. Die Mitarbeiterbelehrung auf Seite eins macht deutlich: Es handelt sich um vorläufige Ergebnisse. Man strebe ein Berufungsverfahren an. Kein Grund zur Beunruhigung. Ich lese die folgenden Seiten langsam und sorgfältig. Ich erwische mich dabei, wie Angst in mir aufsteigt, ich könnte etwas lesen, das ich hinterher nicht widerrufen, vergessen oder ignorieren kann. Ich sehe Diagramme, Kurven, Simulationen. Der entscheidende Satz bedarf nicht einmal einer intensiven Auseinandersetzung mit allen Aspekten der Untersuchung, er steht bereits im „Executive Summary“ auf Seite 3:
Hohe Abstoßungswerte korrelieren
Mit maximaler gegenseitiger
Feldverschiebung.
Ich lese den Satz mehrmals. Er klingt wie der Urteilsspruch des Richters, ist jedoch nur ein Teil des Erkenntnisgewinns im Abschlussbericht des für das Verfahren einberufenen Untersuchungsausschusses. Also hat sie recht!
Veränderung. Nicht Risiko. Nicht Fehlfunktion.
Unserer Prüfstelle wird vorgeworfen, Menschen und Institutionen mit ihrem zugrundeliegenden Verfahren durch fehlgeleitete Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse getäuscht zu haben. Im guten Glauben, Entscheidungen anhand von Daten, die auf physikalischen Gesetzen beruhen, treffen zu können, haben Paare und auch Behörden (also all diejenigen, die Interesse haben, Beziehungen zu prüfen, noch bevor sie sie eingehen) sich auf Warnungen und Empfehlungen unserer Stelle verlassen, die jedoch irreführend sind und offensichtlich Missverständnissen unterliegen. So seien in dieser Prüfstelle keine Messungen des menschlichen Charakters vorgenommen worden (wie gedacht), sondern lediglich an der Differenz zweier Menschen untereinander und ihrem Einfluss aufeinander (wobei dies weiterhin zu prüfen gilt). Zudem habe es die Prüfstelle versäumt, ihre Kunden (im Folgenden Probanden oder Klienten genannt) darauf hinzuweisen, dass zwar der Forschungsarbeit zugrundeliegende Magnetismus erwiesenermaßen deterministisch sei, dass es jedoch keine Anzeichen dafür gebe, dass es Menschen dadurch ebenso seien. Anziehung sei nicht gleichzusetzen mit Nähe und Abstoßung nicht mit Distanz. Ergo seien alle Rückschlüsse auf eine gute oder schlechte Beziehung von zwei Menschen in diesem Zusammenhang hinfällig. Das ändert alles, denke ich. Alles, was wir glauben, ist mit einem Male bedeutungslos. Mit einem Mal stoßen sich unser Glaube und die Physik ab wie N und N, wie S und S.
Am nächsten Morgen treffe ich sie im Flur. Sie wartet nicht. Sie ist einfach nur da. Zwischen uns ist ein Abstand, der mehr Spannung trägt als Nähe.
„Hast du es gelesen?“ fragt sie ohne Umschweife.
Ich muss sie nicht fragen, ob sie das Dokument ebenfalls gelesen hat. Ich weiß, dass sie es verfasst hat, wenn auch nicht allein. Und so nicke ich verstohlen. Ich weiche ihrem prüfenden Blick aus, solange ich kann.
„Und? Was sagst du?“
Ich atme tief durch, denn was ich sage, fällt mir schwer. „Vielleicht“, sage ich, „haben wir Magnetismus immer falsch verstanden.“
„Vielleicht haben wir uns an diejenigen gehalten, die ihn falsch verstanden haben“, wirft sie ein.
Doch ich bin noch nicht fertig. Ich ignoriere ihren Einwurf und fahre ungehindert fort: „Vielleicht ist Abstoßung nur ein Name für Nähe, die Arbeit verlangt.“
Jetzt lächelt sie. Zum ersten Mal.
Nach dieser Begegnung ist sie spurlos verschwunden. Da steht keine DS mehr auf dem Parkplatz, ich spüre ihre Gegenwart nicht mehr. Nicht auf dem Flur, nicht in der Auswertungszone, nicht im Aufenthaltsraum. Noch lange denke ich darüber nach, wie sie versucht hat, mich dazu zu verleiten, Testergebnisse zu verändern – zu dem, was wir glauben, was „zum Guten“ ist.
Das Urteil, der Bericht, oder wie auch immer wir das zehnseitige Dokument nennen wollen, welches ich ordnungsgemäß als erhalten und verstanden für die Personalakte quittiert habe, hat keinen Einfluss auf unsere Arbeit. Wir machen nichts anders als zuvor, wir büßen nicht einen Probanden ein. Urteile sind Schall und Rauch. Noch hat niemand einen anderen, einen besseren Weg gefunden, das menschliche Miteinander anhand von Daten zu entschlüsseln. Aber ich treffe eine Entscheidung. Ich ändere nicht das Ergebnis. Ich ändere nicht die Daten. Ich ändere nicht N in S oder S in N. Ich ändere die Sprache.
Wenn mich jemand fragt, was die Buchstaben bedeuten und welcher von ihnen der Bessere ist, sage ich: „Er zeigt nicht, wer wir sind. Nur, dass Beziehungen nicht immer leicht sein müssen.“
Manche lächeln erleichtert. Manche sind enttäuscht.
Meine Probanden und ich sitzen leicht versetzt zueinander. Der Raum zwischen uns bleibt gespannt. Aufmerksam. Wach. Wir ziehen uns nicht an, aber wir bewegen uns.
„Haben Sie noch Fragen, bevor wir mit dem Test beginnen“, frage ich.
Wird es weh tun?
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