Der alte Romanov

Das Gasthaus Zum Wacholder ist alt genug, um Unrecht zu erkennen, aber nicht alt genug, um darüber zu sprechen. Die Balken im Schankraum sind dunkel vom Rauch der Jahre, nicht nur vom Nikotin. Das Holz des Tresens hat sich mittig leicht nach innen gesenkt, als hätte es gelernt, nachzugeben. Wir stehen dort jeden Abend an denselben Stellen, weil der Boden unsere Füße kennt.

„Machste mir noch eins“, sagen wir zum Wirt, den wir Tomasch nennen, und wir müssen dafür nicht einmal den Blick von der Blume unseres Pilsglases abwenden. Die Zapfanlage zischt leise, selbst dann, wenn sie niemand zieht. Manchmal klingt alles, als ginge da ein schwerer Atem durchs Gebälk. Bier, altes Fett, feuchte Kleidung. Im Herbst kommt das Moos hinzu, das wir mit unseren Schuhen hereintreten.


Hinter der Bar hängt ein Regal mit Gläsern. Manchmal scheint es, als würden sie nie ganz klar werden, ganz gleich wie oft man sie spült. Das liegt sicher an dem diffusen Licht, das uns für die Dauer von ein paar Stunden jeden Abend das Helle von der Dunkelheit unterscheiden lässt – selbst, wenn sich hier drinnen nie so etwas wie ein Kontrast einstellen will. 


Vom Knacken und Rauschen des Waldes ist hier an der Bar nichts zu hören, umso heftiger langt er zu, wenn wir des nachts den Gasthof verlassen. Die Lampen über der Tür und über den Fenstern beleuchten uns für ein paar Meter. Danach nimmt sich der Wald alles zurück. Geräusche verschwinden schneller als anderswo. Schritte verlieren ihr Ziel. 


Wir mögen diesen Ort nicht besonders, wenn das überhaupt etwas ist, was Bedeutung hat. Aber wir wissen, was der Ort braucht. Und er weiß, was er sich von uns nehmen darf. Wenn Fremde fragen, ob es hier schön sei, sagen wir ja. Denn Schönheit ist eine Frage von Dauer.


Wann immer ich die schwere Tür zum Gasthof öffne, ist Hinnerk schon da. Schritte ich nicht meist nachts mit ihm vom Hof, möchte ich meinen, er bliebe einfach über Nacht am Tresen sitzen. Da würde Tomasch ihm schon Beine machen. Ein Wirt wie er kann es gar nicht haben, wenn einer seiner Stammgäste seinen Ladenschluss nicht respektiert. Ich bin meist schon eine Stunde lang da, wenn schließlich auch Klas hinzustößt. Gemeinsam bilden wir das, was wir eine „Solide Basis“ nennen, die den Gasthof am Leben erhält.

Ab und an wird unsere eingeschworene Gemeinschaft von Urlaubern ergänzt, die eines der fünf Doppel- und zwei Einzelzimmer im Wacholder buchen. Man kommt nicht zufällig hierher. Es ist eine Entscheidung, dem Weg weiter zu folgen, wenn er schmaler wird. Denn erst dann, und wenn die Mobilfunkabdeckung so unterirdisch ist, dass kein Urlaubsfoto mehr durchgeht, ist man beim Wacholder angekommen. Drei Männer am Tresen fragen sich jedes Mal aufs Neue, was man hier will, in einem Gasthaus, in dem die Bodendielen und die Deckenbalken gesprächiger sind als die Menschen hinter ihren Bieren. Dort, wo der Tresen blank ist, wo unsere Unterarme liegen, wo unsere Gläser Ringe machen, die sich nicht mehr wegwischen lassen. Wenn einer von uns fehlt, merkt es das ganze Dorf, doch wenn ein Gast abreist, kann sich niemand mehr daran entsinnen, dass er jemals zur Tür hereingekommen ist.

Es ist ein Abend Ende Oktober, als das Paar hereinkommt. Es ist den Herbst über mild gewesen, so dass es noch keinen Frost gegeben hat. Die Tür öffnet sich schwerfällig, als hätte der Wind die Beiden zu uns hineingedrückt. Sie tragen wetterfeste Kleidung, Marken, mit denen Städter durch die Einkaufspassagen laufen, als warteten sie auf die nächste Schneelawine, die direkt über der Mönckebergstraße auf sie herniedergeht. Sie haben prall gefüllte Rucksäcke bei sich und Schuhe, die einem verraten, dass jemand viel mit ihnen vorhat – aber noch keine Zeit hatte, sie vernünftig einzulaufen.

Sie lächeln uns an, doch ich glaube, es ist nicht aus Höflichkeit, sondern vielmehr, weil sie glauben, das gehöre sich hier so. Er ist größer als sie, müde im Gesicht. Sein Bart verbirgt, wie dünn er wirklich ist. Das Wandern durch die Heide scheint ihn mehr zu erschöpfen, als er es sich eingestehen will. Die Heide ist flach, aber nicht leer. Meint man im Sommer noch, man könne sie überblicken, so stellt man im Herbst fest, dass sie tiefer ist, als sie aussieht. Sie ist braun, und Braun ist keine Farbe, die Tiefe zulässt, Räumlichkeit. Der Boden gibt wenig her, und was wächst, das wächst langsam und beständig. Hat er die Heide unterschätzt, als er heute Morgen zu seiner Wanderung aufgebrochen ist? Seine Begleitung trägt einen gelben Regenanorak, der neu aussieht und nach Rauch riecht. Sie scheinen an einem Lagerfeuer Rast gemacht zu haben. Ohne sich nach ihren Wünschen zu erkundigen, stellt Tomasch ihnen zwei Pils auf den Tresen. Wir sehen ihnen auf die Füße. So macht man das hier. Wir blicken auf die Füße, nicht ins Gesicht. Denn Füße sagen uns mehr als geschminkte Großstadt-Gesichter. Füße sagen, wo ein Mensch herkommt und wohin er will. Mehr müssen wir nicht wissen. Sie haben Schlamm, Kraut und Moos hereingebracht. Das sagt mir, dass sie durch den Wald gekommen sein müssen. 


„Wir bleiben für eine Nacht“, sagt der Mann mit den müden Augen. 

„Zwei vielleicht“, sagt die Frau und sieht ihn vergnügt lächelnd an. 


Tomasch kratzt sich am Ohr. „Na, das muss ich schon genauer wissen, sind ja nicht die Einzigen in der Heide, die bei uns schlafen wollen“, brummelt er. Seine drei treuen Seelen an der Theke grinsen in ihre Bärte.

„Machen Sie zwei draus.“ Der Mann zwinkert seiner Frau zu. 

„Also zwei. Kein Problem, kein Problem.“

Ich sollte etwas sagen, das denke ich jedes Mal. Einer von uns müsste es tun. Niemand sagt gern Dinge, für die er keine Beweise hat. Auch wenn wir uns noch so sicher sind, was mit dieser Frau und diesem Mann geschehen wird: Wer glaubt uns schon? Außerdem: Der Wald hat sich schon lange nichts mehr genommen. 

Später, als die wie sie sagen, „Frischvermählten“ auf ihrem Zimmer sind, lehnt sich Klas zu mir herüber und fragt mich, ob ich noch wisse, wie die Heide in diesem Jahr ausgesehen hat. Ich sage ja.

Wir trinken aus.

 

Was ich nun erzählen will, kann ich nur mit den Worten wiedergeben, wie sie Tomasch gewählt hat, als er mir davon berichtet, was am nächsten Tag vor sich geht. Wenn sich Gäste im Wacholder einquartiert haben, ist ab sieben Uhr am Morgen ein Frühstücksbuffet vorgesehen, das Tomasch ab sechs Uhr dreißig vorbereitet. Das Erste, das er tut, wenn er aus seinen eigenen Räumlichkeiten herunterkommt, ist den Haupteingang zum Gasthaus aufzuschließen. Gäste kommen zu ihren Zimmern über einen separaten Eingang, es kommt jedoch oft genug vor, dass sie, wenn sie zu ihrem morgendlichen Spaziergang aufbrechen, ihren Schlüssel vergessen. In solchen Momenten sind sie Tomasch äußerst dankbar, dass er die Tür zum Gasthaus bereits geöffnet hat. So müssen sie sich nur noch am Buffet gütlich tun und darauf warten, dass ihre Begleitung mit dem Schlüssel die Treppe herunterkommt. 


Wenn Tomasch um sechs Uhr dreißig drei Kaffeemaschinen gleichzeitig mit Pulver bestückt, fühlt er in der Regel den letzten Schnaps, zu dem wir ihn verleitet haben, immer mit dem Versprechen einhergehend, dass wir danach auch wirklich verschwinden. An diesem Morgen sind seine Kopfschmerzen aufs abrupteste vergessen, als die Tür aufspringt und sein Gast nackt auf den Teppich im Eingangsbereich stürzt. Er zittert am ganzen Körper, hat kleine Augen, steht spürbar unter Schock.


Tomasch eilt zu ihm, fragt immer wieder, ob er dem Mann einen Krankenwagen rufen solle. Doch der Mann lehnt alles ab. Erde klebt ihm am Bart, dunkle, sandige Erde. Auf seinem Rücken sind blutige Kratzer zu sehen. Sie können nur ein paar Stunden alt sein. Sie sind ihm geschehen – oder zugefügt worden –, nachdem das Paar im Wacholder eingekehrt ist. Tomasch kann sich mit seinem Gast darauf einigen, ihn in zwei dicke Wolldecken zu wickeln, seine Füße in einer Schale mit heißem Wasser zu baden und sich aufrecht im Frühstücksraum auf die Bank zu setzen. Er versorgt ihn mit einem heißen Tee und lässt ihn nicht aus den Augen. Er will warten, bis der Mann aufhört zu zittern und wieder halbwegs beieinander ist, um dann mit ihm zu reden und ihm das Gefühl zu geben, es werde sich gut um ihn gekümmert. Bis dahin, so hofft Tomasch, hält sich die Frau im Gästezimmer zurück und kommt nicht nach unten. Es ist besser, wenn sie ihren Mann nicht in einem Zustand des Schocks sieht. Das Paar hat, auch das ist von Vorteil, das einzige Zimmer im Gasthaus gebucht – auch wenn Tomasch ihnen am Abend zuvor noch suggeriert hat, es bestünde hohe Nachfrage. So muss er nicht damit rechnen, das apathische Verhalten seines Gastes den anderen zu erklären, die sich genau zu dieser Uhrzeit in Scharen zum Frühstücksbuffet eingefunden hätten.


Wir können meinen, dass Tomaschs Souveränität im Umgang mit einem verstörten Gast auf jahrelanger Erfahrung als Schankwirt beruht und dass ihn nach all dem, was er schon gesehen und erlebt hat, so leicht nichts aus der Fassung bringen kann, doch so ist es nicht. Tomasch weiß zu jeder Sekunde, was dort mit seinem Gast geschieht. Weil er nicht der Erste ist. Als er den nackten Mann in zwei Decken wickelt und mit seinen Wirtshänden dessen Arme warm reibt, weiß er sehr wohl, was mit dem Mann in der vergangenen Nacht geschehen ist. Als er ihm den Dreck aus dem Gesicht wischt, damit seine Frau beim Anblick ihres Frischvermählten nicht durchdreht, weiß er, woher der Dreck kommt. Tomasch kann es seinem Gast nur ein wenig leichter machen. Das, was ihm bevorsteht, kann er ihm nicht abnehmen.


„Er hat immer noch Erde in den Ohren“, sage ich leise, mehr zu mir selbst als zu irgendwem. 

„Moos“, murmelt Klas. „Es ist Moos.“

Hinnerk räuspert sich. „Also beginnt es wieder.“

Wir trinken.

Der Mann sitzt lange am Fenster. Er trinkt nicht. Tomasch gibt an, er habe seit dem Mittag Tee, Wasser und jede Art von fester Nahrung verweigert. Tomasch hat ihm dennoch ein Bier vor die Nase gestellt, nicht in der Hoffnung, der Mann würde es noch trinken, vielmehr damit niemand der einkehrenden Gäste glauben könnte, sein Zustand käme von etwas anderem als einem Bierkonsum „über den Durst“. Aus den müden Augen des Mannes sind tiefe Spatenstiche geworden, die jedes Leben vermissen lassen. Seine Hände liegen flach auf dem Tisch, als müssten sie auf ewig dortbleiben. Wann immer wir ihn ansprechen, sieht er auf, antwortet jedoch zeitversetzt oder gar nicht, als kämen unsere Fragen aus einem anderen Raum. Tomasch wischt den Tresen, obwohl es nichts zu wischen gibt. Alle warten. Darauf, dass der alte Romanov sein Werk tut und den Mann endlich von seinem Leid erlöst.


„Das hast du gut gemacht“, sagt Hinnerk zu einem Zeitpunkt zu ihm, als der Mann besonders abwesend wirkt. Tomasch und ich werfen ihm einen strafenden Blick zu. „So machen wir das auch hier. Das Nest. Erst wenn alles bereit ist, kommt sie hinzu…“


„Machste mir noch eins“, habe ich soeben zu Tomasch gesagt, als mein Blick zur Treppe wandert. Da ist sie. Mit vorsichtigen Schritten kommt sie die Treppe herunter. Vom ersten Moment an ist klar, dass sie nicht ganz bei sich ist, oder gar noch bei Sinnen. Sie trägt ihr Haar zu einem unpräzisen Dutt gelegt, und sie wirkt ganz verloren in ihrem gelben Regenanorak. Um ihren Hals hat sie einen Schal gelegt. Ich bemerke, dass die ihn nicht gebunden hat. Er liegt an ihr, als wäre er nur geliehen.


„Ich gehe kurz raus“, sagt sie zu Tomasch, und als ihr Blick an ihm haften bleibt, ist da in ihren Augen nichts. Er nickt nur. Ich registriere, dass er ihr gar nicht in die Augen blicken kann. Und ich bemerke noch etwas: den Mann. Er hebt den Kopf. Einen Moment lang warte ich darauf, dass er etwas sagt. Er öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Dann nickt er, als habe sie etwas gesagt, das schon lange festgestanden hat. 


Draußen steht der Wald fest und geschlossen. Kein Wind zieht durch die Baumkronen, kein Pfeifen durch die Äste. Der Weg in den Wald ist noch zu sehen, doch man kann ihn jederzeit verlieren, wenn man blinzelt oder die Augen zukneift. Der Weg ist nicht von Bedeutung. Ihr Weg wird kein Pfad sein, den zuvor jemand für sie freigetrampelt hat. Sie wird dem alten Romanov in das Dunkel des Waldes folgen, und der alte Romanov schert sich nicht um Wanderwege.


Sie bleibt einen Moment an der Tür stehen. Es ist ein kurzer Augenblick, in dem wir alle die Luft anhalten. Wir sorgen uns nicht darum, was mit ihr geschehen mag, wenn sie in den Wald hinausgeht. Wir können uns nicht ausmalen, was geschieht, wenn sie es nicht tut. Jetzt dreht sie ihren Schal ein wenig, als wollte sie prüfen, ob er auch sicher genug sitzt. 


„Du kommst doch wieder?“ sagt jemand. Es klingt nicht nach ihrem Mann, und ich weiß nicht mal, ob nicht sogar ich das sage, vielleicht ist es auch nur ein Gedanke, ein unausgesprochener.


Sie sieht nicht zurück. Sie geht langsam, nicht suchend, nicht eilend. Der Kies knirscht unter ihren Schuhen. Sobald sie ins Schwarze des Waldes getreten ist, hören wir ihre Schritte nicht mehr. Ihr Mann wartet. Zehn Atemzüge vielleicht. Dann steht er auf. Er macht langsame Schritte zur Garderobe hin, wo er einen Parker vorfindet, der nicht der seine ist. Wir lassen ihn gewähren. Sein weißer, geschundener Körper ist von der Kacke bedeckt. Ihm fehlt die Kraft, sie zuzuknöpfen, wohl aber ist er stark genug, sie mit verschränkten Armen am Oberkörper zusammenzudrücken und sich so weitestgehend zu bedecken.


An der Tür bleibt er stehen, dort, wo sie soeben noch gestanden hat. Wir sind in seinem Blickfeld nur Schlieren, ein unbedeutendes Beiwerk. Ich kann sehen, wie er den Blick hebt, als erwartete er etwas. Ein Geräusch. Ein Zeichen. Es kommt nichts. Als er hinausgeht, bleibt die Tür hinter ihm einen Spalt offen. Tomasch schließt sie erst, als es zu spät ist zu entscheiden, ob man es anders hätte machen sollen. Später sagt Klas, es sei richtig gewesen, sie gehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob er das sagt, um sich selbst die Absolution für sein Verhalten zu geben. Und Hinnerk sagt, sie sei nie fortgewesen, und wir werden wütend auf ihn, fragen, ob er noch alle Latten am Zaun habe und was das denn jetzt schon wieder soll.


Ich sage nichts.

Ich denke an den Schal. Und daran, dass man Dinge manchmal nicht bindet, weil man weiß, dass sie bleiben sollen, wie sie sind. Oder weil man weiß, dass es keinen Sinn mehr hat.

 

Wir bewahren ihre Sachen nicht lange auf. Die Rucksäcke stehen noch ein paar Tage hinter dem Tresen, dann beschließt Tomasch, sie zu entsorgen, bevor jemand nach den Beiden fragt. Wohin, sagt er nicht. „Besser für euch“, murmelt er. „War ohnehin nichts drin, was irgendwem fehlen würde.“


Bald fragen die ersten Fremden nach ihnen. Ein Paar, sagen sie. Frisch verheiratet, Wanderer. Wir nicken, weil ein Nicken leichter ist als Erinnern. Tomasch sagt ihnen, dass wenn das die sind, an die er sich erinnere, dann hätten sie sich nur ein wenig im Gasthaus aufgewärmt, was getrunken und gegessen und seien dann weitergezogen. Das stimmt. Auf eine Weise.


Der Herbst geht in diesem Jahr früh zu Ende, und der Frost und der Schnee ziehen durch das Land. Mit ihnen wird es unmöglich, dass noch irgendwer Spuren des jungen Paares in der Heide finden wird.


„Was, wenn es gar nicht der alte Romanov war?“ spricht Hinnerk eines Abends in seinen Bart, ohne dass er von einem von uns eine Antwort erwarten würde.

Klas schiebt ihm den Ellbogen in die Seite, so dass er fast sein Bier verschüttet. „Wer sonst? Denk an das Muster. Der Samen eines Mannes und die Fruchtbarkeit einer Frau, vereint in Liebe in den Wurzeln des alten Romanov.“

„Lasst es gut sein“, ermahnt Tomasch uns. „Ihr müsstet euch mal reden hören. Denkt dran: Wir sind hier heute Abend nicht allein.“


Nur die Tatsache, dass sich in der letzten Woche vor Weihnachten noch Gäste in den zugeschneiten Wacholder verirrt haben, verhindert, dass wir die ganze Nacht vom alten Romanov sprechen und uns fragen, was da draußen eigentlich wirklich geschieht, in kalten, schwarzen Nächten wie diesen.

 

Im Jahr darauf steht die Heide dicht und schwer, im strahlenden Violett, deutlich farbenfroher als sonst. Touristen kommen von weit her, um sich an der in diesem Jahr besonders intensiven Farbe zu erfreuen und Millionen von Fotos zu machen. Abends, wenn sie in den ausgebuchten Wacholder einkehren, sagen sie, dass sie so etwas Schönes noch nicht gesehen haben. Einer fragt mich sogar, ob ich wüsste, warum die Heide ausgerechnet hier so gut wachse. 


„Der Boden“, sage ich. Und er nickt. Als habe er sich das schon gedacht.

Hinnerk sagt, es sei nicht der alte Romanov gewesen. Das habe es schon früher hier gegeben, nur dass man nie einen Namen dafür gefunden habe. Klas sagt, einen Namen dafür zu haben, sei wichtig, weil man die Dinge sonst nicht ansprechen könne. 

Ich sage nichts.

Namen helfen nur denen, die bleiben.

 

Manchmal, spät am Abend, wenn Tomasch in unmissverständlicher Weise klarmacht, dass er auf unsere Gesellschaft verzichten kann, stehen wir vor der Tür des Wacholder und sehen dorthin, wo Mann und Frau verschwunden sind. Den Weg sehen wir noch ein ganzes Stück, vom Wald selbst ist im Dunkeln kaum etwas zu sehen. Einer von uns sagt fast jedes Mal, was denn wäre, wenn man den Wald einfach abholzen ließe. Keiner von uns zieht es ernsthaft in Erwägung.


Ich habe mir oft eingeredet, dass sie zusammengeblieben sind, auf eine kitschige, romantische Weise. Nicht so, wie man es sich vielleicht wünscht, aber so, wie es hier möglich ist. Wenn der Wind aus der richtigen Richtung kommt, riecht es nach feuchter Erde, sandiger Erde. Und nach Blüten zugleich. Dann trinken wir aus. Und zahlen. Und kommen am nächsten Abend wieder.

Die Heide braucht Zeit.

Wir auch.