Die Sonne wartet mit uns

Man sagt, sie kommen immer nachts, und niemand weiß, warum. Jetzt auch noch Golo, Kiki, Matteo. Drei auf einen Schlag. Ausgerechnet. Letzte Nacht. Golo, Kiki, Matteo. Drei Namen, die morgens noch da sind, deren Stimmen klar zu vernehmen sind, deren Gelächter über die Hänge an der Küste zieht, und die abends schon seltsam klingen, als hätten sie nie zu jemandem gehört. Eben saßen sie beisammen am Strand, Bierflaschen im Sand, Salz auf der Haut, Haut an Haut. Dann der Morgen und kein Abdruck mehr, keine Handtücher, keine Geschichten. Man sagt, sie tragen Uniformen. Und dass sie einfach hinter dir stehen. Es ist schwer, es zu glauben, denn in dem Moment, in dem sie hinter dir stehen, kannst du niemandem mehr davon erzählen. Man sagt, dass nichts helfe, wenn sie deinen Namen nennen. 

Chip glaubt nicht an Gerüchte. Er glaubt an Lücken. Und er zählt sie. Die freien Stellen am Tisch, die Leere im Liegestuhl. Die Pause im Satz, wenn jemand fragt: „Weißt du noch, Matteo?“ Und dann nicht weiterkommt. Golo, Kiki, Matteo. Sie haben den Pakt geschlossen, zusammenzubleiben. Keiner geht allein, haben sie gesagt. Ob Chip und Darla sich ihnen nicht anschließen wollten? Wenn wir alle zu jeder Zeit zusammen sind, kann doch niemand einen von uns einfach so verschwinden lassen. Nun sind sie zusammen geholt worden. Chip weiß, dass sie auch ihn bald aufsuchen werden. Das Wissen darum ist nicht nur mehr ein Gedanke, sondern ist zu einem Zustand geworden. Wie die Hitze, die auf der kleinen Küstenstadt klebt wie die Haut auf einem Vanillepudding. Darla sagt seinen Namen zu oft. Chip hier, Chip da, sieh mal, Chip, Chip, willst du… Als müsse sie prüfen, ob er noch da ist. Tagsüber gehen sie ans Wasser. Jeden Tag. Nicht, weil es besonders schön ist, sondern weil dort niemand in der Nähe ist, wenn sie nur weit genug rausschwimmen. 

Das Seebad ist ein Ort ohne Gedächtnis. Kinder kreischen, Erwachsene glänzen, und der Geruch von Fett und Sonnenmilch zieht wie eine träge Fahne über die Promenade. Chip schätzt den Moment, in dem sie das große, historische Tor zum Meer passieren. Für ein paar Schritte fühlt er sich unregistriert. Kein Blick bleibt an ihm hängen. Alle sind mit ihren Körpern beschäftigt. Sie legen ihre Sache immer an dieselbe Stelle. Darla sagt, das ist dumm. Chip sagt, das ist ehrlich. Er schwimmt so weit raus, wie er kann, dort wo das Wasser kälter wird und die Stimmen vom Ufer nur noch ein dumpfes Murmeln sind. Für einen Moment stellt er sich vor, dass die Nacht ihn dort holen würde. Schwimmend. Uniformiert. Der Gedanke lässt ihn lachen, und das Lachen, nicht das Salzwasser, brennt in seiner Kehle. Abends sitzen sie auf der Mauer und teilen sich eine fettige Tüte Pommes Frites. Darla isst die labberigen zuerst, Chip die knusprigen. Sie streiten nicht. Sie streiten gar nicht mehr.

 

*

 

Es ist das dritte Haus, das er in diesem Sommer bezogen hat. Zunächst, bei seiner Ankunft an der Küste zu Beginn der Saison, bezieht er ein Apartment im Stadtkern. Dann lernt er Golo kennen und ist von dessen unverblümter Art so sehr in den Bann gezogen, dass er es ihm gleichtut und immer dann, wenn einer der Reichen geholt wird, dessen Haus besetzt. Und was für Häuser das sind! Es zieht Chip schnell in die Bungalows auf dem Hang, die „Platzverschwender“ und die „Ausblickstörer“, wie die Jungen jene Ferienvillen nennen, die sich Wohlhabende hier haben hinbauen lassen, um dem Dolce Vita, dem Savoir Vivre oder dem was auch immer zu frönen. Viele dieser Häuser verfügen über einen Vorrat an exquisiten Weinen und gut gefüllte Vorratskammern. 

Zu Beginn stellt Chip die Regel für sich auf, erst zu gehen, wenn er alles aufgegessen und ausgetrunken hat, doch Chip hält es meist nicht lange aus. Im Haus eines anderen zu leben – vor allem im Haus eines „Geholten“ – kann bedrückend sein. Jedes Familienfoto auf dem ungenutzten Kamin, jedes ungetragene Kleidungsstück im Schrank sagt ihm, dass er das Leben eines anderen lebt, das ihm nicht zusteht. Für eine Weile kann er das Gefühl, etwas Falsches zu tun, unterbinden, indem er weiterzieht. Und er kann sich vielleicht sogar ein wenig reinwaschen, indem er den Pool regelmäßig abfischt, Chlor nachlegt, Staub putzt. Am Ende, denkt Chip, bewahrt er sogar das Andenken an seine Herbergseltern, auch wenn ihm zu jeder Zeit klar ist, dass sie ihn nie aus eigenen Erwägungen heraus bei sich haben wohnen lassen. Golo macht ihn wenige Tage nach seiner Ankunft am Meer mit Kiki, Matteo und Darla bekannt. Schnell wird eine unzertrennliche Clique aus ihnen, wie es sie nur in Seebädern wie diesem und Sommern wie diesem geben kann. Unzertrennlich, denkt Chip jetzt. Unzertrennlich. Was für ein verlogenes Wort.

 

„Wenn sie heute kommen“, flüstert Darla, als sie auf dem Steg des Bootsanlegers sitzen und die Sonne sich funkelnd auf dem Wasser treiben lässt, „was würdest du wollen?“ Chip lässt seine kräftigen Füße im Wasser baumeln. Mit ihnen ist er der Schnellste im Sprint-Team gewesen. Ob ihm das etwas nutzen wird, wenn sie ihn holen kommen? „Dass sie höflich sind, denke ich.“ Darla könnte sich – und sie hat jedes Recht dazu, denkt Chip – über ihn lustig machen, doch sie nickt nur, als sei das ein vernünftiger Wunsch. 


 

Nachts schläft Chip schlecht. Nicht, weil er Angst hat, sondern weil alles so eindeutig ist. Schritte sind Schritte, Stimmen sind Stimmen. Sein eigener Atem wird ihm zu laut. Er stellt sich vor, wie die Uniformen aussehen könnten, und er hasst sich dafür. Er will ihnen keine Form geben. Manchmal träumt er von Matteo. Im Traum sagt er nichts. Er steht nur da, geschniegelt, im falschen Sinne gestriegelt, zu ordentlich für den Strand. Wenn Chip aufwacht, ist es noch dunkel. Er denkt: Heute. Aber sie kommen nicht. Die Tage verlieren ihre Reihenfolge. Nur die Sonne hält sich daran, auf- und unterzugehen. In der Sonne liegt so viel Stoizismus, dass Chip es kaum aushalten kann. Er muss sich eingestehen, dass sie ihn wütend macht. 

 

 

Chip und Darla bleiben länger am Strand. Sie warten darauf, dass die Familien gehen und nur noch ein paar einzelne Leute zurückbleiben. Jugendliche, ein alter Mann, von dem Darla glaubt, dass seine Frau bereits geholt worden ist und der jeden Abend dieselbe Zeitung liest, ohne sie einmal umgeblättert zu haben. „Vielleicht haben wir ja Glück“, sagt Darla. Chip lässt Sand durch seine Hände rieseln und schüttelt mit Bestimmtheit den Kopf. „Glück ist kein Plan.“ Darla seufzt. „Aber ein Zustand.“ Sie schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter und blickt aufs offene Meer. Sie hören auf die Geräusche, die bleiben, selbst wenn alles andere geht. Das Meer, ein fernes Lachen, ein Motor. Irgendwie ist immer die letzte Nacht. Und wenn nicht die letzte, dann zumindest die vorletzte. In der letzten Nacht vor der letzten Nacht also, so nennt Chip sie mittlerweile, und er nennt jede Nacht so, bleiben sie lange draußen. 

Sie sitzen im Sand, die Knie angewinkelt, die Schuhe neben sich. Der Strand ist fast leer, das Wasser schwarz, der Himmel ohne Versprechen. „Man sagt, sie kommen nachts“, fällt Darla wieder ein, als will sie etwas sagen um des Sagens willen. „Man sagt viel“, entgegnet Chip. Er spürt eine seltsame Ruhe. Nicht aus Akzeptanz, nicht aus Hinnahme. Eher hat er das Gefühl, nichts mehr zu erledigen zu haben. Die Sonne geht auf, erst zögernd, dann entschlossen. Nachdem sie ein paar Stunden schlafen gegangen und wieder an den Strand zurückgekehrt sind, legt Darla ihren Kopf dort ab, wo sie ihn in der Nacht zuvor abgelegt hat. Es ist der Lieblingsplatz ihres Kopfes geworden, und für Chip ist ihr Kopf auf seinen Schultern nun so vertraut, dass er sich wünscht, vor ihr geholt zu werden, damit seine Schultern nicht ohne ihn sein müssen. „Manchmal denke ich, dass die Sonne morgens auf uns wartet“, flüstert Darla. „Nein“, sagt Chip. „Sie wartet mit uns.“ Dabei weiß er nicht, ob die Sonne das Konzept des Wartens wirklich verinnerlicht hat, oder einfach nur ist, weil das Sein das Einzige ist, was sie kann. Und irgendwo, bei irgendwem, da ist Chip sich sicher, hat die Nacht wieder eine Lücke hinterlassen. 

 

 

„Ich sollte vielleicht noch einmal umziehen“, sagt Chip, eher zu sich selbst als zu irgendwem. Darla sitzt neben ihm auf dem Felsstein an der Uferpromenade und leckt ihr Eis. Was für ein Glück, denkt sie und wagt nicht, es auszusprechen, dass sie den Eismann noch nicht geholt haben. Jeden Tag aufs Neue fährt er seinen Wagen die Promenade entlang und nimmt jedem seine drei Euro ab, als sei nie etwas gewesen. Darla entsetzt es nicht, es nötigt ihr Respekt ab. Seit sie den Filmvorführer geholt haben vor etwa zwei Wochen, ganz genau weiß sie es nicht, so dass das Kino schließen musste, und nachdem ihre Lieblingsboutique aus Ermangelung einer Verkäuferin eines Morgens nicht mehr geöffnet worden ist, ist der alte Mann mit seinem weißen Anzug und der Schiefermütze die letzte menschliche Konstante, die die Promenade noch zu bieten hat. „Hast du schon was im Auge?“ Sie spürt, dass ihre Antwort zu spät kommt. Dass sie zu lange auf das Meer gestarrt hat. 

Chip hat längst vergessen, wovon er zuletzt gesprochen hat. Ihr wacher Blick und das Vanilleeis, das an ihrer Oberlippe einen zum Kuss einladenden Rand formt, lassen ihn seine Erinnerung wiedererlangen. „Was Kleineres vielleicht. Ich komme mir ganz verloren vor in diesem großen Gebäude, für das man mit Sicherheit die halbe Klippe gesprengt hat.“ Darla knuspert mit ihrer Waffel. Ein kleines Rinnsal geschmolzenen Vanilleeises bildet sich auf Zeige- und Mittelfinger. „Ich kann dir eines der Studios empfehlen, wirklich, Chip! Es ist pflegeleicht, unpersönlich und klein genug für eine Person. Ich bin ja fast schon den ganzen Sommer dort. Ich fände es furchtbar, allein in einer Villa zu leben, die ihr Besitzer konzipiert und nach seinen Vorstellungen designt hat. Es würde sich für mich anfühlen, wie mit Geistern unter einem Dach zu leben. Und diese Studios, Chip…“ Da ist es wieder, das Chip hier, Chip da. „Da hat sich niemand Gedanken gemacht beim Bauen. Die mussten einfach her, die mussten eckig sein, frei von Charakter und Persönlichkeit. Es würde dir guttun, in einem von ihnen zu leben, glaube mir.“ Chip nickte. „Ja, das kann sein. Ich denke drüber nach.“ 

 

Bedrohlich sind nicht die Umstände. Bedrohlich ist die Gewissheit. Ihr kann sich Chip nicht entziehen. Er wünscht sich, einen ähnlichen Umgang mit ihr zu finden wie Darla. Es interessiert sie nicht, die wievielte Nacht vor der letzten Nacht der Kalender heute schreibt. Sie hat eine gewisse Leichtigkeit gefunden, so denkt er, mit der sie ihrer eigenen Endlichkeit begegnet. Wann immer die Bilder in ihrem Kopf sich zu sehr aus verlorenen Freunden, geschlossenen Boutiquen und schattenwerfenden Silhouetten von Gestalten in Uniformen zusammensetzen, braucht Darla ein Eis oder eine fettige Tüte Pommes Frites, um die Sonne in ihr Herz zu lassen, während es Chip die ganze Nacht um den Schlaf bringt. Doch Chip hat selbst in seinen jungen Jahren genügend Menschen kennengelernt (die meisten von ihnen sind mittlerweile geholt worden), um zu wissen, dass es niemals nur Eiskrem oder frittierte Kartoffeln braucht, um aufrecht seinem eigenen Ende entgegenzublicken. Es muss also etwas geben, das Darla sich selbst nicht eingestehen will. Chip weiß, dass er drankommen wird. Dass sie ihn holen werden. 

Diese Gewissheit lässt keinen Platz für Hoffnung. Sie kennt keine Pläne zur Flucht. Das Wissen um diesen unabwendbaren Zustand drückt Chip auf die Brust und sorgt dafür, dass er Atemnot bekommt. Manchmal wird Chip des Nachts von seinem eigenen Röcheln wach. Er schnappt nach Luft, er prüft, ob in seinem Gesicht noch alles vorhanden ist, er drückt auf seinen Brustkorb, um irgendetwas zu spüren, das ihm sagt, er lebe noch. Wenn er doch sterben könnte bevor sie ihn holen! In dieser Schwere, in der nächtlichen Hitze, versucht er Schlaf zu finden. Denn Schlaf ist das Einzige, womit er versuchen kann, seine Müdigkeit zu bändigen. 

 


Darlas Stimme klingt anders an diesem Morgen. Nicht gebrochen, nicht zittrig. Nur ein wenig weiter weg. Sie sagt: „Der Kaffee ist kalt geworden“, doch sie meint etwas anderes. Chip nickt und meint es auch. Der Strand ist glattgezogen wie jeden Morgen, die Wellen sind gleichgültig wie immer. Und doch sehen Chip und Darla im Sand einen Abdruck. Golo hat immer zu laut gelacht. Kiki ist nie im Wasser gewesen. Matteo hat sich über den Sand beschwert. Er hat ihn einen „Ritzenkriecher“ genannt, und alle haben gelacht. Kleine Eigenschaften, jetzt schon zu groß für den Raum, den sie hinterlassen. Chip und Darla sitzen auf dem kleinen Balkon von Darlas Studio. Sie überblicken den Strand, sie sehen Familien und Paare über den Sand krabbeln wie Ameisen. Schirme werden gesteckt, aufgespannt, der Sonne entgegengedreht, als sei sie die Gefahr. Als wartete sie nicht ebenso wie alle anderen darauf, dass es wieder Nacht würde und die Dunkelheit sich die nächsten holt. 

Chip denkt daran, ob man etwas hätte merken müssen. Ob am letzten Abend von Golo, Kiki und Matteo nicht doch etwas seltsam gewesen ist. Ein Zeichen. Eine Vorhersehung. Ein Gefühl. Hat jemand, oder gar er, Chip, etwas falschgemacht? Doch Schuld ist immer auch eine Form von Ordnung, und die Sicherheit, die Ordnung uns gibt, ist mehr als trügerisch. Später verbummeln sie den Nachmittag bei einem Gang an den geschlossenen Geschäften entlang. Lücke an Lücke. Jemand pfeift. Chip bleibt stehen, als gelte der Pfiff ihm. Er versucht, sich vorzustellen, wie es sein mag, wenn sein eigener Platz leerwürde. Wenn an seiner Stelle eine Lücke entstünde. Der Gedanke bleibt unscharf, wie etwas, das man nicht mehr direkt ansehen kann. Er geht weiter. 

 

 

Chip hat Darla noch nie weinen sehen. Nicht einmal an dem Morgen, an dem sie festgestellt haben, dass Golo, Kiki und Matteo geholt worden sind. Er ist demnach gänzlich unvorbereitet, als er Darlas Tränen zum ersten Mal erblickt. Sie sind wie Felssteine, die einen Abhang herunterrollen. Sie glänzen wie Diamanten im Sonnenlicht. Und das alles nur, weil Darla am Morgen darauf besteht, sich ein wenig unter die Leute zu mischen. Weil sie immer da sind, so sagt sie, aber eigentlich nie wirklich dabei. Chip gibt zu Protokoll, dass ihm der latente Geruch von Kokos-Sonnenmilch mittlerweile auf den Magen schlage, besonders wenn sich der Schweiß der männlichen Sonnenanbeter daruntermische. Da sei er wie eine Zecke, die ein besonderes Gespür für Buttersäure habe. Darla lässt nicht mit sich reden. „Heute werden wir endlich Teil von Irgendwas!“ verkündet sie feierlich, wirft ihm sein Handtuch über die Schulter und besteht darauf, sich einen Strandplatz direkt neben einer Familie mit besonders mitteilungsbegeisterten Kindern zu suchen. 

Chip widerspricht nicht. In ihrer Vernarrtheit in die eigene Idee erkennt er eine Liebe, die er nicht beschreiben kann. In ihren großen, entschlossenen Augen sitzt eine Zuneigung, der er sich nicht entziehen kann. Natürlich gehen sie zum Strand. Natürlich lassen sie sich neben der lautesten Familie nieder, die sie finden können. Wenn dies schon der vorletzte Tag vor dem letzten ist, dann will er ihn wenigstens ordentlich begehen. Eine Familie, die auf Darlas Beschreibung passt, ist schnell ausgemacht. Chip und Darla lassen sich vergnügt und kichernd (wie nur zwei Menschen kichern können, wenn sie etwas wissen, was andere nicht wissen) auf ihren Handtüchern nieder. Ihre Haut ist die Sonne gewöhnt. Sowie sie das Gefühl haben, zu verbrennen, springen sie ins Wasser. Später am Nachmittag entsteht eine angenehme Stille unter den Strandbesuchern. 

Die beiden Kinder, die Darla als ihre Nachbarn ausgesucht hat, bauen selig an ihrer Sandburg. Nur selten ist das dumpfe Klatschen ihrer Hände zu hören, wenn sie den Sand plattklopfen. Darla beobachtet jeden ihrer Handgriffe. „Du, Papa?“ quäkt nun das eine der beiden Kinder. Darla glaubt, dass es sich um den älteren Bruder handelt. Der Vater gibt ein klagenden Laut der Störung als Antwort. „Kommen wir nächsten Sommer wieder hierher?“ Das ist der Moment, in dem der erste Felsstein Darlas Wange hinunterpoltert. Chip sieht ihn, bevor Darla selbst feststellt, wie sehr sie die Frage des Kindes berührt. Wann immer sich Chip und Darla unterhalten – und sie unterhalten sich eigentlich die ganze Zeit –, haben ihre Gespräche keine Zukunft mehr. Ereignisse, die außerhalb der Gegenwart liegen, haben keinen Platz mehr auf ihren Lippen. Später hat Darla das Bedürfnis, ihre Tränen zu verteidigen, obwohl Chip sie schöner fand ohne die Rechtfertigungen. „Die Lebendigkeit, die ich wollte, war schmerzhaft. Ich hatte mir von ihr versprochen, dass sie mich glücklich machen würde, stattdessen hat sie mir einen gehörigen Tritt in den Arsch verpasst.“ Chip streicht ihr sanft über die Schulter und drückt sie an sich. Er spürt den dünnen, klebrigen Film des Sommers auf ihren Armen. Alles lebt weiter, denkt er, und deshalb tut es so verdammt weh. 

 

 

Je näher die vorletzte Nacht vor der letzten rückt, umso mehr verliert Chip das Interesse daran, etwas zu hinterlassen. In seinem ersten Apartment in der Stadt lässt er noch sein Schlüsselbund auf dem Kaminsims liegen. Warum er es dabei hat, wo er doch nie nach Hause zurückkehren will, weiß er selbst nicht – und er wird es sich auch nicht erklären. Sein Vater muss ihm vor der eigenen Abholung so sehr in den Ohren gelegen haben, dass ein Mann etwas Bedeutungsvolles zurücklassen müsse, dass Chip nur ein zurückgelassenes Schlüsselbund auf dem Kaminsims dazu einfällt. In dem ersten Haus, das er allein bewohnt, am Fuße des Hanges, hinterlässt er eine einzelne Socke, die er hinter der Heizung versteckt. Er grinst, als er die Tür hinter sich zuzieht. Im nächsten Haus lässt er die zweite ebenfalls hinter einem Heizkörper. Seitdem interessieren ihn persönliche Hinterlassenschaften nicht mehr. Er schließt die Tür hinter sich und ist nach einem fünfundzwanzigminütigen Spaziergang in Studio 47 angekommen, nur einen Hauseingang entfernt von Darlas. Sie hat ihn überzeugen können, dass weniger Platz, der einem nicht gehört, das liebgewonnene Freiheitsgefühl nicht einschränkt, sondern verstärkt. Und was ist Freiheit ohnehin noch wert, wenn man sich alles nehmen darf? Er will sehen, wie es läuft. Das Studio durch eine Villa zurücktauschen kann er jederzeit. Er kann ohnehin tun und lassen, was er will. Vielleicht macht ihn genau das ständig so traurig. 

 

 

„Ist es nicht schön, dass man einfach so hier sitzen und miteinander schweigen kann?“ Ihr Kopf liegt wieder auf seiner Schulter. Heute fühlt er sich besonders warm und feucht an. Die Sonne ist ein dicker Klumpen Fett am Himmel. „Aber wir schweigen ja nie“, sagt er. Darla kichert. „Du weißt schon, was ich meine. Wir haben nie darüber gesprochen, wo wir herkommen, wer wir waren, bevor wir uns hier trafen, und ich habe das Gefühl, das ist auch nicht wichtig. Wir sind frei. Und wenn man frei ist, muss man auch nicht ständig quatschen, alles durchkauen, alle Unfreiheit versuchen in Worte zu kleiden.“ Chip sieht eine Weile aufs Meer hinaus. Dann beginnt er zu lachen. Darlas Kopf saust in die Höhe, als hätte ein Katapult ihn in den Himmel geschossen. „Was ist denn so witzig?“ Sie muss ihn mit ihren knochigen Fingern durchkitzeln, bis er ihr endlich verrät, was er denkt. „Für eine so freie Frau hast du dann aber einen besonders großen Wortschatz.“ Sie lachen beide. 

 

Am Tag darauf erwachen beide mit einer Schwere, die sie bei einer Tasse Kaffee auf Chips neuem Balkon nicht in Worte fassen können. Chip fragt sich, ob ihr ganzes Gerede, ohne etwas zu sagen, ihnen bereits die Fähigkeit genommen hat, ein ernstes von einem belanglosen Gespräch zu unterscheiden. Darla scheint denselben Verdacht zu hegen, als sie spricht: „Ich will dich eigentlich seitdem wir uns das erste Mal bei Golo im Bungalow getroffen haben, schon etwas fragen.“ Chip sieht von seinem Kaffee auf (der Vormieter des Studios muss einen Hang zu mit Katzengesichtern bedruckten Tassen gehabt haben, der Küchenschrank ist voll davon) und blickt in Darlas ernstes Gesicht. Es ist nun kein Platz für ironische (erst recht nicht für sarkastische) Antworten oder Kommentare, das sieht er gleich. „Es ist nur so, dass, je näher der Tag selbst rückt, also der letzte, unser letzter, um so weniger habe ich das Gefühl, dass ich sie stellen sollte. Verstehst du?“ Chip schüttelt den Kopf. Nein, das versteht er tatsächlich nicht. Darla richtet sich auf, legt die Hände in den Schoß und fragt schließlich trotzdem: „Nun gut, wenn heute – und ich meine den heutigen Tag, also h-e-u-t-e… Wenn wir wüssten, dass wirklich heute der letzte Tag ist, was würdest du mit ihm anstellen?“ Als Chip nicht sofort antwortet, stellt sie ihre Frage nochmals. „Was würdest du tun wollen?“ 

Chip lässt seinen Blick über das Balkongeländer schweifen. Er stellt fest, dass der Ausblick von seinem Balkon identisch ist mit dem, den sie bei Darla haben, obwohl er einen Hauseingang weiter wohnt. Es ist, als hätte man dieselbe Tapete vor ihre Fenster gehängt, mit demselben Strandmotiv. „Zum Strand gehen, schätze ich. Aufs Meer sehen, sowas.“ Darla könnte wütend auf ihn sein. Darla könnte denken, er nehme sie nicht ernst. Eine solch profane Antwort. So unbedeutsam. Doch Darla nickt verständnisvoll. „Na ja, und…“ Chip denkt angestrengt nach. Sie sieht, wie sehr er sich bemüht. „Wenn der kleine Stand an der Kreuzung zwischen dem Park und den Bootsanlegern noch da ist, du weißt schon, der mit den Pommes Frites…“ Sie lächelt: „Edouards Frites Deluxe.“ Jetzt grinst Chip. „Genau. Da würde ich dir die labbrigen und mir die knusprigen kaufen.“ Und sie: „Kommen ja ohnehin in einer Tüte. Zum Teilen.“ Eigentlich braucht es nicht mehr Worte, doch sie reden immer weiter: „Richtig, und die würden wir dann am Wasser essen. Und aufs Meer starren. Zwei Fliegen mit einer Klappe.“ 

 

 

In dieser Nacht schläft Chip besonders schlecht. Zum ersten Mal, seitdem er seine neue Unterkunft bezogen hat, erscheinen ihm die Wände, die ihn umgeben, erdrückend und der Raum ist ihm zu klein. Er kann kaum atmen, er hat die Fenster weit aufgerissen und kriegt doch keine Luft. Die Hitze der Nacht hält ihn fest umschlungen. Die Nacht ist ein toxisches Gemisch aus Geräuschen, aus Verdacht, aus Erwartung. In seinen Träumen fantasiert er von Uniformen. Uniformen in seiner Duschkabine. Uniformen zwischen der Kleidung in seinem Einbauschrank. Uniformen – Klassiker! – unter seinem Bett. 

Wenn eine Bedrohung so nah ist, denkt er, als er sich erschöpft auf das Geländer seines Balkons lehnt, warum ist sie dann so unsichtbar? Jedes Bild, das sein Verstand nutzt, um die Lücken zu füllen, ist peinlich, gewöhnlich, zum Bersten vollgestopft mit Klischees. Fällt seinem Kopf nichts Besseres ein als … Uniformen unterm Bett? Ein Vierjähriger könnte sich spannendere Alpträume überlegen! 

 

 

Sie werden wieder nicht abgeholt. Es ist ein weiterer Tag, ein weiteres Bad, ein weiteres Mal sind die Füße voll mit Sand. Darla kriegt ein Eis, doch ihre Zunge umschließt das künstliche Vanillearoma längst nicht mehr mit einem solchen Hunger (nach Leben?) wie noch ein paar Tage zuvor. Während die Sonne wie üblich mit ihnen wartet, kommt Darla doch noch eine Idee. „Du weißt, Chip, ich habe nachgedacht. Golo, Kiki, Matteo. An sie habe ich gedacht. Der Gedanke kam mir heute Nacht, und erst habe ich mich für ihn geschämt. Aber dann kam er mir vor wie das Beste, was ich seit Wochen gedacht habe.“ 

Chip ist zu erschöpft, um vor Spannung zu implodieren und sitzt ganz still neben ihr, in der Hand ein Häufchen Sand. 

„Ich war absolut dagegen, als sie uns sagten, dass sie von nun an keine Sekunde mehr allein sein wollten. Ich dachte, sie wollten all dem ein Schnippchen schlagen, und man weiß ja, was mit Leuten geschieht, die sich über die obersten Gesetze hinwegsetzen.“ 

Chip lässt den Sand durch die Finger gleiten. „Ja, so habe ich auch gedacht.“ Darla bleibt von seiner Bestätigung unbeeindruckt und spricht einfach weiter. „Ich war felsenfest davon überzeugt, dass es besser ist, wenn jeder nachts allein für sich bleibt. Dann holen sie mal den einen von uns, mal den anderen, aber nie uns alle auf einmal. Ich sah also zu, und ich glaube, du hast es genauso gehalten, dass ich abends zurück in mein Studio ging und allein schlief. Und als die drei dann fort waren, als man sie… geholt hat, da war ich so wütend. Chip, ich war ganz wahnsinnig vor Wut.“ Chip sieht sie erstaunt an. „Du wirktest so ruhig. Ich war fast neidisch. Ich wäre so gern auch so ruhig gewesen.“ Er lächelt. Sein Lächeln ist müde. „Ich war so w-ü-t-e-n-d, Chip. Das kannst du mir glauben. Die Sonne, diese alte Bratze, die weiß, wie wütend ich war. Bis vor ein paar Tagen. Da war die Wut plötzlich weg. Dieses kleine Kind neben uns. Es hat mich bewegt. Es steckte so viel Zuversicht in der Frage an den Vater. Ob sie im kommenden Sommer wieder hierherkommen würden. Der Junge war sich so sicher, dass er noch da sein würde. Und vor allem, dass sein Bruder und seine Eltern auch da sein würden. Der Kleine dachte überhaupt nicht darüber nach, dass sie geholt werden könnten vor dem nächsten Sommer. Verstehst du, Chip? Vielleicht möchte ich nicht mehr so strickt sein. Vielleicht sollte ich die Regeln, die ich mir für mein eigenes Überleben auferlegt habe, zumindest in Teilen überdenken. Vielleicht möchte ich heute Nacht gar nicht allein sein. Vielleicht, aber nur vielleicht, will ich mich gar nicht verstecken in meinem blöden Studio. Vielleicht möchte ich dich ja sogar fragen, ob du Lust hast, heute Nacht mit mir zusammen zu sein. Draußen. Am Strand.“ 

Chip hat große Lust, heute Nacht mit ihr zusammen zu sein. Draußen. Am Strand. Sein vertrautes Lächeln verrät es ihr. 

Nicht das Entkommen zählt, denkt Chip, sondern dass wir eine Wahl haben. Wir treffen sie nicht aus Trotz. Wir treffen sie, weil wir selbstbestimmt sind. Er wünscht sich, Darla würde ihm noch einmal die Frage stellen, was er an seinem letzten, den wirklich letzten, Tag würde tun wollen. Jetzt hätte er eine weitaus bedeutendere Antwort für sie. Er würde sagen: „Nicht nach Hause gehen.“ 

 

*

 

Sie gehen nicht nach Hause. Es ist kein Beschluss mit Gewicht, eher ein Ausbleiben, ein Seinlassen. Niemand sagt: Wir bleiben. Sie sitzen einfach noch da, als der Strand sich leert. Als die Stimmen dünner werden. Als jemand die letzten Plastikbecher einsammelt und nichts dazu sagt, dass sie immer noch hier draußen sind. Der Himmel hat bereits eine Farbe angenommen, die nichts mehr verspricht und noch nichts fordert. Dunkel genug für die Frage, wen es wohl als nächstes…, hell genug für Gewissheiten. Darla zieht die Knie an. Chip legt ihre Schuhe ordentlich nebeneinander, ohne zu wissen, woher sein plötzlicher Ordnungssinn kommt. „Man sagt, sie kommen nachts“, sagt Darla. Diesmal ist es keine Warnung, es ist vielmehr eine Zeilenwiederholung, ein Mantra, das seine Bedeutung verloren hat. Chip nickt. Er denkt daran, wie viele Nächte es schon gegeben hat, in denen sie nicht gekommen sind, um ihn zu holen. Das Meer ist schwarz und ruhig. Ein leichter Rhythmus, der nichts will. 

Chip stellt sich vor, wie es wäre, wenn sie sie hier holen müssten. Keine Türen, keine Flure. Keine Möglichkeit, plötzlich hinter jemandem zu stehen. Der Gedanke ist kindisch. Er behält ihn für sich, aber er behält ihn. Darla legt ihre Hand in den Sand, als prüfe sie, ob er noch da ist. „Ich habe keine Angst“, behauptet sie, doch Chip weiß nicht recht, ob er ihr glaubt. Oder ob es überhaupt noch darauf ankommt. Sie sagen nichts Kluges, als sie so dasitzen und in die Dunkelheit blicken. Und nach einer Wiele verschiebt sich was. Kaum merklich. Wie ein Gewicht, das man unbemerkt abgesetzt hat. Chip spürt eine Ruhe, die ihm nichts verspricht und doch alles geben kann. Keine Rettung, keine Chance darauf, etwas Bedeutungsvolles zu hinterlassen, nur das gute Gefühl, nichts mehr zu erledigen zu haben. Darla lehnt sich an ihn. Ihr Kopf auf seinen Schultern. Dort gehört er hin. Das weiß Chip, und das weiß Darla. Mehr müssen sie nicht wissen.

 

*

 

Als die ersten Vögel über dem Strand meckernd ihre Kreise ziehen, weiß Chip nicht, ob das schon der Morgen ist oder ein Fehler in der Nacht. Doch als er die Augen öffnet, ist da das Licht der wartenden Sonne. Er richtet sich auf, und zum ersten Mal wartet er nicht. Sein Blick haftet auf den sorgsam gelegten Schuhen neben ihm. Die Nacht hat ihnen nichts anhaben können. Sie liegen dort, wo er sie vor Stunden abgelegt hat. Vielleicht, denkt er, ist es ja gut so wie es ist. Für den Moment. 

 

*

 

Jetzt, da er allein in das Licht des Morgens blickt, denkt er, dass dies vielleicht alles ist, was ihm noch bleibt. Und dass es reicht, solange die Sonne da ist.

 

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